Renaissance einfach erklärt: Was macht diese Zeit so besonders?
Liebst du Umbrüche? Ich spreche von lebensverändernden Wechseln, die dir den Teppich unter den Füssen wegziehen? Die Menschen in der Renaissancezeit erlebten solche Umbrüche fortwährend, und es schien einfach nicht aufhören zu wollen.
Diese Zeit war bemerkenswert, und das strahlt bis heute aus, denn diese Epoche interessiert Neueinsteiger in die Kunstgeschichte am meisten. Von der Renaissance wollen sie als Erstes hören. Gerade wegen dieser Zäsur, die ein Renaissancemensch erleben musste oder durfte, ist diese Stilepoche auch der ideale Einstieg in die Kunstgeschichte. Hier beginnt etwas Neues, mit der Renaissance beginnt die Neuzeit.
Um 1450 endet das Mittelalter. Zumindest in Florenz, dort traten ein paar junge Künstler auf die Bühne der Kunstgeschichte, vor denen wir uns über ein halbes Jahrtausend später noch verneigen. Es sind Leute wie Sandro Botticelli, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Alberti, Donatello, Bramante. Sie haben die neue Zeit erkannt, in sich aufgesaugt und Neues geschaffen.
Im Folgenden erkläre ich dir kurz einige der wichtigsten Merkmale der Kunst der Renaissance und einige der grossen Ereignisse, die im 15. und 16. Jahrhundert die Welt bewegten. Danach stelle ich dir drei Werke vor, die in der Blüte der Renaissance geschaffen wurden: ein Bild, eine Skulptur und ein Bauwerk. So erhältst du ein Blitzlicht auf die Stilepoche, die unser Kunstverständnis bis heute prägt.
Zum Schluss empfehle ich dir drei Podcastepisoden meines Podcasts «Schöne Kunst – Auf Zeitreise durch die Kunstgeschichte», mit denen du deine Reise in die Renaissance noch vertiefen kannst.
Du hast im Wesentlichen fünf Merkmale der Renaissance, die die Kunst grundlegend veränderten. Am wichtigsten ist die Wiedergeburt der Antike, das meint ihre Kultur, Kunst und Philosophie. Nach dieser Entwicklung ist die Epoche auch benannt, denn Renaissance oder in Italien Rinascita heisst Wiedergeburt.
Das Zweite ist die Erfindung der Zentralperspektive. Die Künstler kannten nun die Prinzipien, die man anwenden muss, um einen Raum oder auch ein Objekt im Raum perspektivisch richtig darzustellen.
Drittens werden Menschen porträtiert, ohne irgendeinen religiösen Zusammenhang. Dazu kommen auch Landschaftsdarstellungen, die nicht für himmlische Gefilde stehen.
Viertens werden Bildkompositionen nach geometrischen Figuren aufgebaut, um möglichst Symmetrie und Harmonie zu erzeugen.
Und ausserdem ist das 15. Jahrhundert das Zeitalter der Ölmalerei. Erfunden hat man die Ölfarbe schon einige Zeit früher, doch zur perfekten Rezeptur, um eine möglichst hohe Leuchtkraft und Haltbarkeit zu erreichen, fanden die Künstler im 15. Jahrhundert.
Was aber hat die Welt derart bewegt, dass man mit ganz anderen Augen auf sie blickte? Es gab in kurzer Zeit verschiedene Ereignisse.
Eine wichtige Rolle spielte die Erfindung des Buchdrucks 1455 durch Johannes Gutenberg. Schriften konnten ab jetzt schnell und relativ günstig vervielfältigt werden. Damit erfand er auch die Möglichkeit der Flugblätter, d. h. Nachrichten, Wissen oder Behauptungen gelangten erstmals ungefiltert und ungeprüft an die Bevölkerung.
Dann kam die Entdeckung Amerikas bzw. des von Christoph Kolumbus vermuteten Asiens im Jahr 1492. Es lag eine unvorstellbar lange Seereise zwischen Portugal und den Bahamas, wo er landete. So weit, dass man eigentlich schon von den Rändern der Welt gefallen sein müsste. Damit wurde die Welt für die Menschen, die von dieser Reise hörten, unvorstellbar gross.
Der Reformator Martin Luther schlug 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. Die Reformation fegte wie ein Sturm über Europa. Von diesem Phänomen erhielten auch die Bilderstürme ihren Namen. Christliche Kunst, Darstellungen von Heiligen galten als Götzendienst und gotteslästerlich. Sie wurde zerstört, verbrannt, von den Kathedralen geschlagen. In gewissen Gegenden wurden vom wütenden Mob bis zu 90 Prozent aller Kunstwerke zerstört. Was wir heute noch haben aus dieser Zeit, sind Überlebende.
Nikolaus Kopernikus veröffentlichte 1543 seine Messungen, die bewiesen, dass sich die Erde und die Planeten um die Sonne bewegten und nicht umgekehrt. Die Erde war also nicht mehr Mittelpunkt des Universums.
Und jetzt endlich zur Kunst! Wir schauen uns zuerst ein Gemälde an, das in Florenz entstanden ist und diese Stadt auch nie verlassen hat. Ausser vielleicht zur Dekoration eines Landgutes der Familie der Medici.
Es ist die Geburt der Venus von Sandro Botticelli. Botticelli hat es im Jahr 1485 gemalt, und es hängt in den Uffizien in Florenz.
Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, 1485. Uffizien, Florenz.
In der Mitte die Göttin Venus, die Göttin der Liebe, die auf einer Muschel an einen Strand gesegelt kommt. Sie bewegt leicht ihr rechtes Bein, um von der Muschel an das Ufer zu treten, während Zephir, der Gott des Windes, und eine Nymphe noch einmal kräftig pusten. Am Ufer wird Venus bereits von der Naturgöttin Flora empfangen, die ihr einen Blumenumhang überwerfen möchte.
Venus wurde aus den Elementen Wasser und Wind gezeugt, deshalb trägt sie den Beinamen «die Schaumgeborene». Die Sage der Geburt der Venus wurde als Sinnbild verstanden, wie die Schönheit des Göttlichen in die Welt kam.
Sie wird vom Windgott Zephir im Rosenregen ans Meeresufer geblasen, wo die Naturgöttin Flora mit dem Blütenmantel zum Empfang bereitsteht und sie auf den Olymp begleitet, den Götterhimmel. Im „Dienste“ der Mythologie ist die Nacktheit der Venus Programm, das gehörte zum Verständnis der antiken Kunst.
Die Ankunft steht hier für den Aufbruch zu etwas Grösserem. Gemeint war die Schönheit, Weisheit und Blüte, die durch die Herrschaft der Familie Medici über Florenz kommen sollte.
Ein weltbekanntes Beispiel der Renaissanceskulptur und -kunst überhaupt ist der David von Michelangelo. Er hat diese über fünf Meter hohe Figur in den Jahren 1501–04 geschaffen. Das Original steht heute in der Accademia in Florenz.
Michelangelo, David, 1501-04. Accademia, Florenz.
Diese Statue ist einer der Titanen der Kunstgeschichte. Genauso wie ihr Erschaffer Michelangelo. Der Bildhauer hatte den Auftrag, den Hirtenjungen David aus dem Marmorblock zu schlagen, der laut Altem Testament den gewaltigen Goliath nur mit einem Wurf mit der Steinschleuder besiegt hat. Dass er es ist – und nicht irgendein Schönling der Antike – beweist nur die Steinschleuder und sein entschlossener Blick. Es gibt nicht mal einen Stein zum Werfen.
David ist ein Mensch und er ist ebenfalls nackt, wie es eine Statue der Antike wäre. Er hat hier kein Gegenüber aus einer biblischen Szene, keinen Kopf des Goliath zu seinen Füssen. Er ist nur Mensch. Wenn auch in perfekten Massen und absoluter Schönheit. Diese Statue ist der Inbegriff der Renaissance, dem Zeitalter des beginnenden Humanismus, wo sich die Welt nicht mehr nur um Gott dreht.
Als drittes Kunstwerk der Zeit fehlt noch ein Bauwerk. Ich zeige ein Tempelchen, das Tempietto im Klosterhof von S. Pietro in Montorio in Rom. 1502 hat es Donato Bramante gebaut.
Bramante, Tempietto, 1502. S. Pietro in Montorio, Rom. Foto: Carlos Teixidor Cadenas, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International.
Es ist tatsächlich klein, denn der Durchmesser beträgt nur 8 Meter. Nichtsdestotrotz ist es ein Musterbeispiel der Renaissance, wie sie sich an der antiken Bauweise orientiert. In allen Gattungen der Kunst, aber besonders in der Architektur, spielten die Verhältnisse der Proportionen eine grosse Rolle. Der Zentralbau, also ein Gebäude, dessen Grundriss auf alle Seiten hin gleich weit auslädt (Kreis oder Polygon), ist für die Menschen der Renaissance der Höhepunkt der Schönheit und Harmonie.
Dieser kleine Zentralbau mit offenem Säulenumgang gilt als die reinste Verwirklichung des Renaissanceideals in der Architektur und blieb Jahrhunderte lang Vorbild für den perfekten Zentralbau.
Wie ist das bei dir mit der Renaissance? Magst du diesen Stil oder sagst du, das ist dir alles zuwenig lebendig, zu kalkuliert? Ich empfehle dir, drei meiner Podcastepisoden zu hören, in denen du noch etwas ausführlicher in die Kunst dieser Zeit eintauchen kannst, und danach zu entscheiden, ob du Team Renaissance bist.
Die 5 wichtigsten Begriffe der Renaissance. Die Epoche der Wiedergeburt - doch von was?
Michelangelo - das unsympathischste Genie seiner Zeit? Einer der grössten Künstler, doch er besass scharfe Ecken und Kanten
Meinen Podcast “Schöne Kunst - Auf Zeitreise durch die Kunstgeschichte” habe ich vor drei Jahren gestartet und seither rund 50 Episoden zu den Geschichten der Kunst produziert. Jede sollte sich anfühlen wie ein kleiner Museumsbesuch mit deinem Personal Art Guide. Höre also gerne einmal rein und folge mir auf Apple Podcast oder Spotify. Über eine wohlwollende Bewertung würde ich mich natürlich auch freuen!