Der Louvre in Paris: Was du dir in diesem Megamuseum ansehen solltest 

(und was du für diesmal überspringen kannst)

Du stehst im riesigen Innenhof des Louvre in Paris, einem der grössten Museen der Welt, die gläserne Pyramide im Rücken bestaunst du das Schloss, und du weisst: da drinnen warten über 35’000 ausgestellte Objekte auf dich. 

Irgendwo in diesem Moment kippt das Staunen in leichte Angst.

Ich kenne dieses Gefühl und ich habe Abhilfe für dich: Du brauchst jemand, der dir sagt, wohin du als erstes gehst oder auch was du getrost auslassen kannst, zumindest für diesen Besuch.

Hier kommt also mein persönliches Louvre-Programm für dich. Zusammengestellt aus der Perspektive der Kunsthistorikerin, aber auch aus der Erfahrung vieler Gespräche mit Frauen, die Kunst entdecken wollen und einen ersten Anhaltspunkt möchten.

Kurz zur ägyptischen Sammlung und allen anderen Sondersammlungen

Bevor wir anfangen, muss ich etwas vorausschicken. Die ägyptische Sammlung im Louvre (ich nehme sie hier nur als Beispiel für alle Sondersammlungen) ist wirklich grossartig. Mumien, Stelen, Sarkophage, Kunsthandwerk aus vielen Jahrtausenden. Wenn dich das interessiert, geh unbedingt hin.

Wenn du aber wegen der westeuropäischen Kunstgeschichte hier bist, also wegen der Gemälde, Skulpturen und Kunstwerke, die das Bild der Kunst ausmachen, das wir in Europa kennen, dann schenk dir die ägyptische Abteilung diesmal. Es gibt einfach zu viel anderes zu sehen. Das ist ein gut- und ernstgemeinter Rat! 

7 Werke, die du wirklich gesehen haben musst

in chronologischer Reihenfolge

1. Nike von Samothrake, 2. Jh. v. Chr.

Sie steht oben auf der Treppe des Denon-Flügels und während du die Treppe hochsteigst, kommt sie auf dich zu. Die, ihre Flügel ausbreitende Göttin, scheint sich in diesem Moment in den Wind zu legen um abzuheben.

Den Windstoss, der dieser Figur entgegenzuwehen scheint, kannst du selbst fast spüren. Ihr üppiges Gewand bauscht sich nach hinten und klebt an ihrem Körper, so dass er sich unter dem dünnen Stoff abzeichnet.
Die Siegesgöttin aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. ist ein Meisterwerk der spätgriechischen Kunst, es ist Hellenismus auf seinem Höhepunkt: Bewegung, die in Marmor erstarrt ist. Auf den Stil dieser Zeit werden die Bildhauer des 16. und 17. Jahrhunderts zurückgreifen, die Bildhauer des Barock.

Bleib noch einen Moment hier, auch wenn die Besucherströme dich nach oben spülen wollen. Wie jede Skulptur solltest du sie umrunden, soweit möglich, und dabei die Licht- und Schattenmalerei und ihre verschiedenen Ansichten bewundern.

2. Der sterbende Sklave (Michelangelo Buonarotti, um 1513)

Zwei Skulpturen von Michelangelo befinden sich im Louvre: "Der sterbende Sklave" und "Der rebellierende Sklave", beide entstanden für das Grabmal von Papst Julius II., das niemals vollendet wurde.  Zwei weitere der “Sklaven” haben sich in der Accademia in Florenz erhalten.

Wenn du die Skulpturen umgehst - was du bei Skulpturen immer machen solltest, wenn möglich - wirst du die eine oder andere unvollendete bzw. nur grob behauene Stelle finden. Das irritiert dich vielleicht, weil die Figuren grösstenteils fertig sind, sogar poliert. Michelangelo gestaltete seine Figuren eben nicht gleichmässig von aussen nach innen, sondern er beschrieb seine Methode so, dass er die Figur aus dem Marmor befreie. 

In seinen Augen war die Figur bereits fertig im Block vorhanden, er musste nur noch den überflüssigen Stein entfernen. Vor diesem Werk verstehst du, was er meinte.

3. Mona Lisa (Leonardo da Vinci, 1504)

Ich sage dir jetzt etwas, das du vielleicht nicht erwarten würdest: Die Mona Lisa enttäuscht fast alle, die sie das erste Mal sehen.

Das Gemälde ist klein. Es hängt hinter Panzerglas, hinter einer Absperrung, und verstellt von gefühlt Hunderten von Menschen, die ihre Handys hochhalten. Du wirst anstehen müssen, um nah heranzukommen.

Und trotzdem: geh hin und schau es dir an. Das Bildnis ist immerhin von Leonardo und spielt eine wichtige Rolle in der Sammlungsgeschichte des Louvre. Aber du wirst auch verstehen, dass sie so berühmt ist, weil sie einmal gestohlen wurde und nicht unbedingt, weil sie das schönste Gemälde der Welt ist. Und dann dreh dich nach links.

4. Die Hochzeit zu Kanaa (Paolo Veronese, 1563)

Direkt gegenüber hängt Paolo Veroneses "Hochzeit zu Kanaa", entstanden 1563. Dieses Gemälde ist fast zehn Meter breit. Es zeigt über 130 Figuren, prächtige Architektur, Musik, Hochzeitsfeier. Es ist eines der grössten und farbenprächtigsten Bilder des gesamten Museums.

Was Veronese hier geleistet hat, ist kaum zu überbieten. Ein biblisches Thema als venezianisches Festessen, voller Porträts von Zeitgenossen in Theaterkostümen, voller Licht und Leben. Mit den Musikern hat er u.a. Tizian, Tintoretto und sich selbst verewigt.

Das Gemälde wurde 1797 von Napoleon aus dem Refektorium des Klosters S. Giorgio gestohlen und kam nie nach Venedig zurück. Ein wichtiges Zeugnis von den skrupellosen Kunstdiebstählen Napoleons während seines Italienfeldzuges.

Leider nehmen es viele Besucherinnen und Besucher gar nicht richtig wahr, weil sie zu beschäftigt damit sind, ein Selfie mit der Mona Lisa zu machen…

5. Die Selbstbildnisse von Rembrandt Hermansz van Rijn, 1633-60

Und hier fängt es schon an: Es fällt mir selbst schwer, mich auf wenige Bilder zu beschränken, besonders im Raum 844 im Richelieu-Flügel! Dort hängen nämlich viele Gemälde Rembrandts, darunter vier seiner berühmten Selbstporträts.

Rembrandt hat zwei dieser Selbstporträts im Jahr 1633 gemalt, im Alter von 27 Jahren. Eines malte er 1634/35 und eines, und das ist sicher das berührendste davon, im Jahr 1660, als der Maler 54 Jahre alt war.

Ein Selbstporträt oder Selfie, ist heute nichts Besonderes mehr. Mit unseren Smartphones ist es blitzschnell geknipst. Wer will, kann sich auch vor dem Selbstporträt von Rembrandt aufnehmen. Der Künstler selbst musste dafür Leinwand, Pinsel, Farben haben, er musste malen können (wegen dem Abbildungsgedanken), er musste sich vor einen Spiegel stellen und sich einige Stunden Zeit dafür nehmen.

In diesem Raum fühlst du dich wie ein Freund des Künstlers, denn er sieht dich nicht nur an, er nimmt dich auch wahr. Du erlebst mit ihm seine Lebensjahre. Das ist der Unterschied zum Handypic und der Darstellung eines der grössten Künstler überhaupt.

Im Raum 844 triffst du übrigens auch seine Frau Hendrickje Stoffels und seinen Sohn Titus.

6. Die Spitzenklöpplerin (Jan Vermeer van Delft, um 1669/70)

Jetzt zu einem wahren Kleinod. "Die Spitzenklöpplerin" von Jan Vermeer ist winzig: gerade einmal 24 mal 21 Zentimeter. Du musst dicht herangehen.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges. Je näher du kommst, desto mehr zieht dich dieses Bild hinein. Eine junge Frau beim Klöppeln, konzentriert über ihre Arbeit gebeugt. Du möchtest mit ihr genau auf ihre Arbeit schauen, doch Klöppeln, eigentlich Spitze knüpfen, ist eine sehr feine und kleinteilige Arbeit. Das Licht fällt von rechts in den Raum, vermutlich sitzt sie vor einem Fenster, um gut sehen zu können. 

Vermeer beweist hier schon im Motiv sein Können als Maler des Lichts. Es geht um diese eine Stelle, wo die Klöppelarbeit liegt. Sie ist durch den Lichteinfall hell beleuchtet. Die Stecknadelköpfe und weissen Fadenspulen, die helle Haut der Hände und das gelbe Gewand mit dem weissen Kragen sammeln und reflektieren an Licht, was zu haben ist und tauchen die Szene in eine friedliche und konzentrierte Atmosphäre.

7. Die Freiheit führt das Volk (Eugène Delacroix, 1830)

Eugène Delacroix malte dieses Bild kurz nach der Pariser Julirevolution 1830. Es ist eines der bekanntesten politischen Gemälde der Kunstgeschichte, aber man muss es richtig lesen.

Marianne, die Figur der Freiheit, ist keine reale Frau, sondern das Symbol der Freiheit Frankreichs. Sie trägt die Trikolore und die phrygische Mütze zur Kennzeichnung. Das Bild stellt keine tatsächlich geschehene Szene dar. Es ist ein politisches Manifest. Die Mischung aus realen Figuren (Arbeiter, Bürger, ein Kind) und allegorischer Überhöhung (Marianne) macht es zu einem der spannendsten Bilder der Romantik.

Da wir schon in Frankreich sind: Dieses Bild ist ein Musterexemplar für die Malerei der französischen Romantik, die das Drama liebt und es mit vielen Figuren und Ereignissen theatralisch inszeniert.

(Allegorie = Bildliche Veranschaulichung von Vorstellungen und Begriffen, die nicht anschaulich sind, wie zum Beispiel Justitia als Frau mit verbundenen Augen und Waage.)

Aber…

… natürlich ist es unsinnig, in einem Museum mit einer derart reichen Sammlung auf einzelne Werke als “Muss” zu verweisen. Das ist meine Auswahl und die könnte auch ganz anders ausfallen. Doch es ist ein Anhaltspunkt für dich, wenn du noch keine Pläne hast. Diese Werke lohnen sich allemal, dass du ihnen einen persönlichen Besuch abstattest. 

Wenn du tiefer eintauchen möchtest

Kunst sehen ist eine Sache. Zu verstehen und zu fühlen, warum ein Werk über Jahrhunderte bewegt, das ist eine andere.

Genau darum geht es im Club Schöne Kunst. Jede Woche tauchen wir gemeinsam in Kunstwerke ein, in ihre Geschichte, ihren Kontext, die Fragen, die sie aufwerfen. Du lernst, richtig hinzusehen, dir den perfekten Museumstag zu gestalten und wir machen eine virtuelle Reise durch die Kunstmetropolen Europas.

Wenn du auf der Warteliste stehen möchtest, freue ich mich sehr, wenn du dich einträgst. Die Türe steht offen.

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