Lass dir das Staunen nicht nehmen!

Der Moment, in dem alles begann

Es war in der Alten Pinakothek in München, auf meiner ersten Exkursion im Studium. Man steht vor einem Bild, sieht die Grösse, sieht die Ölfarbe leuchten, riecht den Firnis. Und während alle gemeinsam über das Werk sprechen, passiert etwas Merkwürdiges. Ich sage immer: Das ist wie das Märchen «König von Narnia», als die Kinder in den Kleiderschrank gingen und in einer anderen Welt herauskamen. Genau dieses Eintauchen möchte ich weitergeben. Es gelingt mir bis heute, und es braucht dafür kein Studium.

Auch eine Kunsthistorikerin stand einmal ratlos vor einem Bild

Als Teenager sah ich in Liechtenstein den «Tod des Decius Mus» von Peter Paul Rubens, ausgestellt aus der Sammlung des Fürsten von Liechtenstein. Alle sprachen ehrfürchtig von Rubens. Ich stand davor und habe, ehrlich gesagt, nichts erkannt. Ich konnte nicht sagen, was auf diesem Bild dargestellt ist.

Dieses Erlebnis hat mich nie losgelassen, und heute bin ich froh darüber. Denn genau so geht es fast allen Menschen vor Kunstwerken früherer Jahrhunderte: Die Bilder entsprechen nicht unserem heutigen Sehen. Wer ratlos davor steht, dem fehlt nicht Talent, sondern ein Schlüssel.

Warum du ein Kunstwerk lesen kannst wie eine Zeitung

Ich konzentriere mich in meinen Kursen auf die Kunst von etwa 1000 bis zu den Weltkriegen, die Zeit der Alten Meister im weiteren Sinn. Der Grund ist einfach: In dieser Zeit war Kunst ein Medium. Die meisten Menschen konnten bis weit ins 18. Jahrhundert weder lesen noch schreiben, nicht einmal Herrscher. Kunst musste erzählen, wie eine Zeitung oder ein Buch. Auftraggeber wie Kirche und Herrscher wollten Botschaften vermitteln, und die Künstler fanden dafür Bilder, die alle verstehen konnten.

Das heisst für dich: Diese Botschaften sind für dich gemacht. Ein Beispiel ist die «Arnolfini-Hochzeit» von Jan van Eyck in der National Gallery in London. Auf den ersten Blick ein Doppelporträt: zwei Menschen in einem Schlafzimmer, die sich die Hand geben. Und dann öffnet sich das Bild. Das Hündchen zu ihren Füssen steht für Treue. Die einzelne Kerze im Kronleuchter zeigt die Anwesenheit des Heiligen Geistes. Die Orangen auf der Fensterbank erzählen vom Paradies und zugleich vom Reichtum des Kaufmanns Arnolfini, der in Brügge lebte. So geht es durch das ganze Bild weiter.

Die Methode: erst erleben, dann verstehen

Mein KunstKompass stellt sechs Fragen an jedes Kunstwerk, in zwei Ebenen. Zuerst das Erleben: Welches Gefühl weckt das Werk? Wohin lenkt die Künstlerin oder der Künstler meinen Blick? Welche Geschichte erzählt das Bild? Erst danach kommt das Verstehen: Epoche, Region, Handschrift. Das Geniessen ist das Resultat, wenn beide Ebenen zusammenkommen.

In meinen Onlinekursen bekommen die Teilnehmerinnen wöchentlich Videos zu einem Kunstwerk, sozusagen das Sachliche. Der wichtigste Teil aber ist der wöchentliche Kunstsalon per Zoom. Dort halte ich mit meinen Gefühlen nicht zurück. Ich sage Sätze wie: Da riechst du doch den Firnis. Oder: Da siehst du Rembrandt, wie er mit dem Pinselschaft seine Haare in die feuchte Farbe kratzt. Und dann lassen sich die Teilnehmerinnen darauf ein und lassen sich verzaubern. 

Die wichtigste Botschaft, die ich vermittle: Lass dir das Staunen nicht nehmen. Kunstbetrachtung in einer Gruppe endet oft damit, wer als Erstes den Namen des Künstlers weiss oder die Epoche. Darum geht es gar nicht. Es geht darum, das Bild zu spüren.

Was am Ende bleibt

Wenn Teilnehmerinnen meine Kurse besucht haben, wünsche ich mir, dass sie ein Gefühl für Zeit, Epoche und Region entwickelt haben. Aber selbst das ist zweitrangig. Das Wichtige ist, dass sie anfangen zu staunen und für sich Argumente finden, warum ein Werk sie umhaut. Es gibt genügend Möglichkeiten zu sagen, warum etwas toll ist, ohne den Namen des Künstlers zu kennen.

Und dann sieht ein Museumsbesuch so aus: hingehen, sich wohlfühlen, herauspicken, was gefällt, sich die Geschichten erzählen lassen. Und danach im Café einen feinen Cappuccino trinken, oder einen Rosé im Bistro nebenan, wenn du vielleicht gerade in Frankreich bist.

Ich möchte die Kunstgeschichte aus dem Elfenbeinturm nehmen. Es ist absurd zu glauben, dass sie eine reine Wissenschaft ist, wenn sie doch von Menschen für Menschen gemacht wurde, mit dem Zweck, Botschaften zu transportieren, die alle verstehen.

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