Von Wilden Leuten, Satyrn und Nymphen
Ein kleines Bildtäfelchen in der Würth Collection erzählt eine grosse Geschichte über Mythologie, Mittelalter und Lucas Cranach d.Ä., einen der besten Maler der Reformationszeit.
Ein Schlüsselloch in eine andere Welt
In der Johanniterkirche in Schwäbisch Hall hängt ein Bild, an dem man fast vorbeigehen könnte. Es ist klein, 27 mal 15 Zentimeter, und doch öffnet es sich wie ein Schlüsselloch in eine andere Welt. Lucas Cranach der Ältere malte es um 1530, und wer genau hinschaut, findet darin einiges erzählt:
Auf einer Waldlichtung sitzt ein bärtiger Mann auf einem sockelartigen Marmorblock. Neben ihm liegt ein Löwe, der soeben erschlagen wurde; die Augen der Bestie sind noch offen, aber er blutet stark aus dem Maul und wird nicht mehr aufstehen. Der Mann hält noch die Keule in der Hand. Er blickt stolz zu seiner wunderschönen Frau, die, wie er selbst, nackt neben ihm steht; an der einen Hand ein kleines Kind, auf dem anderen Arm einen Säugling. Ihre helle Haut und das lange goldene Haar heben sich wie eine antike Nymphe vom dunklen Wald ab.
Niemand wird diese Familie je stören.
Hinter dem Wald erhebt sich ein Felsen mit einer Burg, und weit hinten, noch vor den Bergen, liegt eine Stadt an einem Gewässer. Zivilisation existiert, aber sie kommt nicht hierher. Wir riskieren nur einen kurzen Blick, als ob wir durch ein Schlüsselloch spähen. Und dann passiert etwas Wundervolles: Die Frau hat uns gesehen. Sie blickt uns an.
Das ist die Magie der Malerei. Viele Maler tun das: Sie beziehen uns als Betrachterinnen und Betrachter in ihre Darstellung mit ein.
Wer war Lucas Cranach?
Lucas Cranach wurde 1472 in Kronach geboren, daher der Name. Seine Ausbildung machte er vermutlich in der Werkstatt seines Vaters, wie es damals üblich war.
Sein Ruf muss schnell gewachsen sein, denn schon 1505 wurde er als Hofmaler an den sächsischen Hof von Friedrich dem Weisen berufen und liess sich mit seiner Werkstatt in Wittenberg nieder.
Cranach war aber nicht nur Maler. Er war Mitglied des Wittenberger Rates, Kämmerer, also Schatzmeister, zweimal Bürgermeister und er arbeitete nebenbei sogar als Immobilienhändler und Verleger.
Im Jahr 1553, im biblischen Alter von 80 Jahren starb er.
Die Naturmenschen: Eine mittelalterliche Überzeugung
Was Cranach hier malte, waren sogenannte Wilde Leute oder Naturmenschen. Seit dem Mittelalter war die Überzeugung weit verbreitet, dass es fernab der Zivilisation noch solche Wesen gäbe. Man stellte sie sich riesig gross vor, von Kopf bis Fuss behaart, höchstens mit einem Kleid aus Tannenzweigen bekleidet.
Cranachs Familie ist dagegen nackt und unbehaart, ohne Fell, ohne Tannenreisig. Und dann ist da noch der Löwe.
Spitze Ohren und ein Satyr aus der Antike
Das entscheidende Detail sind die Ohren des Mannes. Sie sind spitz.
Mittelalterliche Naturmenschen wurden nicht mit spitzen Ohren gemalt, aber dafür Satyrn und Faune aus der griechischen Mythologie! Diese Naturgötter waren ursprünglich halb Mensch, halb Ziegenbock. Mit der Zeit wurde ihre tierische Herkunft nur noch angedeutet: ein kleiner Schwanz, winzige Hörner, oder eben spitze Ohren.
Cranach war ein gebildeter Mann der Hochrenaissance. Er kannte die Mythologie der Antike so gut wie die Legenden seiner Heimat.
Darstellungen nackter Figuren waren in der Kunst der Zeit heikel und bedurften eines Vorwandes. Naturmenschen und mythologische Wesen boten diesen Vorwand.
Was Cranach wirklich gemalt hat
Lucas Cranach erzählt mit diesem kleinen Bildtäfelchen eine Geschichte mit grossem Spannungsbogen. Er ist der talentierte, gebildete Künstler, der mit den Legenden seiner Herkunftsgegend genauso vertraut ist wie mit der Mythologie der klassischen Antike. Er bringt beides zusammen auf 27 mal 15 Zentimetern.
Die Frau blickt uns an. Sie weiss, dass wir da sind. Cranach hat vor 500 Jahre ein Schlüsselloch in eine Welt geöffnet, die es nie gegeben hat und die trotzdem wahrscheinlich wirkt.