Augen auf, Herz auf, Hirn arbeiten lassen: Kunstbetrachtung, die wirklich funktioniert
Wie betrachtet man eigentlich ein Gemälde? Ja, es ist die zugleich langweiligste und spannendste Frage in meiner Welt der Kunstgeschichte!
Kurze Antwort: Augen auf, Herz auf, Hirn arbeiten lassen.
Diese Antwort ist zwar richtig, aber doch zu wenig konkret und darum nicht gerade motivierend.
Längere Antwort: Ich präsentiere dir hier meinen Kunstkompass, mit dem du sicher durch die Kunstbetrachtung segelst und ganz neue Welten entdecken wirst!
Ein Kunstwerk betrachten kannst du auf zwei Ebenen:
Ebene 1) Das Kunstwerk erleben.
Dafür brauchst du nichts wissen oder lesen.
Frage dich zuerst, welches Gefühl das Werk bei dir auslöst.
Welche Dinge auf dem Bild oder am Objekt fangen deinen Blick ein?
Beschreibe die Geschichte, die du siehst. Worum geht es?
Ebene 2) Das Kunstwerk verstehen.
Hier geht es darum, das Werk in einen Zusammenhang zu bringen.
In welcher Zeit könnte es entstanden sein?
In welcher Gegend hat man so gearbeitet?
Welche Handschrift ist das womöglich?
Frage dich bei allem: Warum? Kennst du etwas Vergleichbares?
Es könnte sein, dass du dich jetzt, wo alles so klar vor dir liegt, eigentlich erst recht verloren fühlst. Keine Sorge, wir gehen das jetzt einmal durch und zwar an einem der berühmtesten Gemälde überhaupt, Die Nachtwache, von Rembrandt van Rijn, ein riesiges Bild, das er im Jahr 1642 gemalt hat.
Damit du das Bild für die Betrachtung auch vor dir hast, klicke bitte auf diesen Link, der dich zu Google Arts & Culture führt:
https://g.co/arts/C269196U1oF6tp6F8
Bei der ersten Frage kann ich dir leider nicht helfen. Ich weiss nicht, welches Gefühl, dieses Bild bei dir auslöst und möchte auch nicht von mir sprechen, denn das ist sehr individuell und sollte es auch sein.
Doch ich kann dir drei Punkte nennen, die garantiert als erstes deinen Blick einfangen. So etwas geschieht nicht per Zufall der Maler wollte es so. Es sind die drei hell ausgeleuchteten Personen in der Mitte des Bildes, zwei Männer und ein Mädchen. Ein Mann und das Mädchen sind dazu noch hell gekleidet. Der zweite Mann trägt schwarz, doch der weisse Kragen und seine auffordernde Gestik machen klar, dass man ihn anschauen sollte.
Die Männer sehen wie Anführer aus und stehen vor einer Gruppe Militärleute, die sich gerade sammelt. Sie werkeln mit ihren Musketen, sortieren die Lanzen, schwingen die Fahne und trommeln zum Abmarsch.
Auf diese Weise konntest du bereits in die Welt dieses Bildes eintauchen, hörst vielleicht schon die Befehle oder riechst das Schwarzpulver.
Frage dich jetzt, wann dieses Bild entstanden sein könnte. Diese Ebene des Verstehens ist für die Fortgeschrittenen unter euch, doch je nach Interesse kommen wir hier auch schon ohne Nachforschungen weiter. Wir müssen auf jeden Fall ein paar Jahrhunderte zurückreisen. Die Männer sind sehr reich gekleidet, sie tragen kostbare Stoffe. Sie haben Lanzen, Schwerter, Degen und Musketen. Das erinnerte an Cyrano de Bergerac oder die drei Musketiere. Und genau in dieser Zeit wurde das Bild auch gemalt.
Dann kommt die Frage, wo es entstanden sein könnte. Da kannst du dich auch fragen, wo es vermutlich nicht entstanden ist. Es muss in einer Region gewesen sein, wo man Militärbilder malte. Die Grösse und die vielen Porträts auf diesem Bild weisen auf eine Gegend hin, wo es sich zu dieser Zeit auch private Menschen leisten konnten, sich von einem Künstler verewigen zu lassen. Solche gab es überall, aber nicht umsonst wird das 17. Jahrhundert in den Niederlanden und damals auch Holland, das Goldene Zeitalter genannt. In dieser Zeit waren die Menschen dort besonders reich und es gehörte einfach zum guten Ton, sich einmal im Leben in irgendeiner Form porträtieren zu lassen.
So und jetzt bleibt uns nur noch, uns dem Künstler anzunähern. Wer erhielt im Goldenen Zeitalter in den Niederlanden die grössten Aufträge? Da kommen besonders zwei Giganten der Kunst in Frage, nämlich Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn. Zugegeben, es könnte auch ein anderer sein, aber gehen wir vom Wahrscheinlichsten aus. Wenn du von diesen Künstlern mit ihren sehr typischen Malstilen schon mehrere Werke gesehen hast, dann ist es sehr klar. Es ist Rembrandt.
Und hier noch mein Geheimtipp, den ich schon erwähnt habe: Gehe immer vom Wahrscheinlichsten aus. Letztlich ist es ein Vergleichen mit Ausschlussverfahren.
Mit meinem KunstKompass machst du vielleicht nicht immer eine Punktlandung, aber er weist dich auf jeden Fall in die richtige Richtung. Du kannst ein Kunstwerk einordnen, die Maschen deines Wissensnetzes enger ziehen. Die Geschichte erzählt dir Stück für Stück mehr.
Frage dich alle Fragen der Reihe nach. Beantworte sie so gut wie du es eben kannst und nimm die Infotafel oder die Suchmaschine erst dann zu Hilfe, wenn dir nichts mehr einfällt. Du wirst staunen, was du mit sehen, Lebenserfahrung und auch Interesse alles schon weisst.
Wer das hell beleuchtete Mädchen im Hintergrund ist? Die mit dem toten Huhn und der Klover an ihrem Gürtel? Sie ist das Maskottchen der Truppe. Das Bild heisst ursprünglich „Die Kompanie des Frans Banning Cocq und Willem van Ruytenburgh“ und die Hühnerkralle war ihr Emblem!
Lade dir die Checkliste als PDF herunter und nimm sie kleingefaltet überallhin mit.
Über die Autorin
Roswitha Feger-Risch — Kunsthistorikerin & Gründerin von Personal Art Guide, Vaduz
Ich bin Kunsthistorikerin mit einem Magister Artium der Ludwig-Maximilians-Universität München und einem Nachdiplomstudium in Journalismus an der MAZ Luzern. Seit 2021 begleite ich mit Personal Art Guide Frauen dabei, Kunstgeschichte als neue Leidenschaft zu entdecken, zugänglich und ganz ohne akademischen Druck. Meine Methode heisst KunstKompass: Ein Kunstwerk erleben, dann verstehen. Europäische Kunst von 1000 bis 1940 ist mein Zuhause.
Newsletter · Podcast · Instagram · Facebook · LinkedIn · YouTube