Caravaggios Sicht auf ein Wunder

„Er war ein reizbarer, gefährlicher Geselle, dem der Degen locker in der Scheide sass und der mehrmals wegen Totschlags fliehen musste.“ So beschrieben vom Kunsthistoriker Ernst Gombrich.

Ich spreche von Michelangelo Merisi aus Caravaggio, der, sobald er in Rom angekommen war, sich Michelangelo da Caravaggio nannte. Geboren wurde er 1571 in der Nähe von Mailand in Caravaggio und starb 1610 in einem kleinen Dorf in der Toskana.

Caravaggio hat schon mit 13 Jahren seine Malerlehre begonnen, ging dann nach Rom, wo er in grossen Malerwerkstätten angefangen hat und sich ausbilden liess. Seine Geschichte ist wirklich turbulent und wird gerne erzählt, weil er tatsächlich wegen Totschlags fliehen musste.

Ich möchte einen ganz anderen Aspekt von Caravaggio zeigen. Dafür habe ich mir passend zur Jahreszeit die Geburt Christi ausgesucht. Das Bild heisst Die Geburt Christi mit den Heiligen Franziskus von Assisi und Laurenzius.

Caravaggio hat es im Jahr 1609 gemalt für das Oratorio di San Lorenzo in Palermo. Heute ist das Bild verschollen.

Dieses Bild hat diese Geschichte zu erzählen. Es erzählt aber auch die Geschichte eines Meisterwerkes, eines der grössten Künstler überhaupt. Ausserdem birgt es ein Rätsel, finde ich.

Und natürlich geht es um die Geburt Christi und wie Caravaggio das Wunder gesehen hat. Insgesamt ist das Bild also verloren, nur schlecht fotografiert, merkwürdig in seiner Darstellung und grossartig.

Die True-Crime-Story

Im Jahr 1969, vom 18. auf den 19. Oktober, wurde das Bild von unbekannten Tätern aus dem Oratorio di San Lorenzo in Palermo gestohlen.

Es ist nie wieder gefunden worden. Dieser Raub an sich war eigentlich keine Kleinigkeit, denn das Bild ist recht gross. Es misst 268 cm in der Höhe und 197 cm in der Breite. Man kann das nicht eben mal so von der Wand nehmen, man hat es aus dem Rahmen herausgeschnitten, was an sich schon ein Drama ist, denn was heisst das?

Die Leinwand ist uralt, die Farbe darauf bröckelt, ist ausgetrocknet, und schon in dem Moment des Raubes wird es grossen Schaden genommen haben.

Was genau mit diesem Bild dann geschehen ist, weiss man einerseits nicht, andererseits wird die Geschichte aber weitererzählt. Bis ins Jahr 2023 gibt es Spuren von diesem Bild.

Es heisst, das Bild wurde von der Mafia geklaut, und zwar um Lösegeld zu erpressen. Allerdings wurde nie auf diese Lösegeldforderung eingegangen. Lieber opfert man ein Stück, dafür gibt es weniger Nachahmungstaten.

Von Seiten der Mafia tauchten immer wieder Gerüchte auf, dass man das Bild zerstückelt hätte. Ein anderer Mafia-Boss behauptete, er wisse, dass Ratten und Schweine das Bild gefressen hätten. Oder dass noch ein anderer Mafia-Boss oder Pate – ich kenne mich da zum Glück nicht so aus – das Gemälde als Bettvorleger benutzen würde.

Und das Interessante an diesen Gerüchten ist nicht, was dem Gemälde geschehen ist oder wie genau es zu Schaden kam, sondern dass solche Gerüchte wirkungsvoll erzählt werden. Das zeigt, welche Bedeutung Kunst in unserem Leben hat, auch für unsere Gesellschaft, und wie sehr es uns trifft, wenn wir solche Gemeinheiten hören.

Ein Bild von Caravaggio den Schweinen überlassen oder im Schweinestall gelagert oder es wird extra darauf herumgetrampelt, das empfinden wir als Gesellschaft als Demütigung.

Im Jahr 2017 erzählte sich die Geschichte weiter, denn offenbar hat ein Kronzeuge der Mafia den Verdacht erhärtet, dass das Bild ins Ausland verkauft wurde, aber bereits schon in den 1970er-Jahren.

2018 dann gab Rosy Bindi, die zu dem Zeitpunkt Präsidentin der Anti-Mafia-Kommission im Parlament war, bekannt, dass das Gemälde in die Schweiz geschmuggelt worden war und dort von einem inzwischen bereits verstorbenen Kunsthändler stückweise verkauft wurde.

Dann ein anderer ehemaliger FBI-Ermittler, Charles Hill, behauptet, dass man, sobald Matteo Messina Denaro, einer der letzten flüchtigen grossen Mafiabosse, gefasst würde, dass dann das Bild auftauchen würde. Aber Denaro wurde 2023 gefangen und auch heute noch keine Spur von diesem Bild.

Es ist also ein Gemälde, das gestohlen wurde, doch das immer wieder von sich reden macht.

Vermutlich ist es, wie es ist. Man hat es geklaut, kann es nicht verkaufen, und es wird jetzt als Pfand für irgendwelche kriminellen Geschäfte, in der Mafia hin- und hergeschoben. Und ja, man kann nur hoffen, dass es dabei möglichst wenig Schaden nimmt.

Das Meisterwerk

Neben dieser Story zur direkten Mafia-Verbindung und dem True-Crime-Kitzel, den es hier in Verbindung mit diesem Bild gibt, ist es natürlich auch ein Meisterwerk.

Leider kann man auf einer Fotografie aus der Zeit vor 1969 nicht mehr alle Details erkennen. Doch das Gemälde hat alles, was ein typisches Caravaggio-Meisterwerk hat. Unter anderem, die besondere Beleuchtung, das „Kellerlukenlicht“. Heute würde man vielleicht sagen Scheinwerferlicht.

Das heisst in der Fachsprache auch Chiaroscuro genannt, Hell-Dunkel, eine Technik, die Caravaggio zur Perfektion gebracht hatte. Er malte auf den ersten Blick sehr, sehr dunkle Bilder, die nur einige Stellen helle, fast überhellte Bereiche haben.

Damit hat er eine wunderschöne Erzählmöglichkeit. Der Blick wird geführt über die beleuchteten Stellen einer Szene, wie auch hier.

Dann das Zweite, was es zu einem Meisterwerk von Caravaggio macht und was sicher auch der Grund ist, warum viele Menschen Caravaggio lieben, ist, dass er immer Menschen von der Strasse porträtierte.

Aber dieses Darstellen der Menschen von der Strasse mit schmutzigen Füssen, ohne besonderen Schmuck, einfache Kleidung, das schafft eine grosse Nähe zum Betrachter.

Versetze dich in die Zeit: Ich gehe in das Oratorio di San Lorenzo, sehe dieses Bild, sehe Leute, wie ich und wie ich sie kenne, die nicht besonders reich, nicht besonders geschmückt oder frisiert dargestellt sind. Das Licht zieht mich hinein in die Geschichte, erzählt sie mir und dann sehe ich ein Wunder!

Besser kann man eine Inszenierung gar nicht gestalten. Das war die grosse Leistung von Caravaggio.

Das Rätsel

Wir haben also True Crime, wir haben ein Meisterwerk und wir haben auch ein Rätsel in diesem Gemälde.

Denn was sollen diese auffallend weissen, beleuchteten, im Vordergrund stehenden und in eigenartiger Haltung gemalten Beine des Josef? Für Hinweise bin ich dankbar. Vielleicht habe ich das Bild auch schon zu lange angesehen, aber manchmal habe ich das Gefühl, ich kann nur noch auf die Beine Josefs starren.

Die Geburt Christi

Die Geburt Christi ist eines der Hauptthemen der Malerei der Alten Meister. Bibelgeschichten waren überhaupt die wichtigste Bildquelle. Schliesslich war die Kirche jahrhundertelang die grösste Auftraggeberin der Künstler.

Das ist die Geschichte: Maria und Josef sind aufgrund der Volkszählung des Augustus nach Bethlehem gekommen. Maria war hochschwanger und sie suchten einen Ort, wo sie gebären konnte. Alle Herbergen waren bereits besetzt. Man konnte ihnen nur noch einen Stall als Unterkunft anbieten, etwas ausserhalb von Bethlehem. Und dort geschah das Wunder. Die Jungfrau Maria gebar ihr Kind. Sie gebar den Sohn Gottes.

Es gibt ein ganz klares Personal dieser Szene, nämlich die heilige Familie natürlich: Maria, Josef und das Kind. Dann sind immer anwesend Ochs und Esel, meistens ein Hirte. Die Hirten waren die Ersten, denen die Engel vom Wunder berichtet haben.

Der Engel bei Carabaggio zeigt auf den Himmel und er zeigt auch auf das Jesuskind. Hier istetwas zwischen Himmel und Erde geschehen.

Als nächstes sind, wie schon im Titel zu sehen, der heilige Laurenzius und der heilige Franziskus von Assisi anwesend.

Franziskus von Assisi ist hinten rechts, im Dunkeln dargestellt. Er ist erkennbar an seiner bescheidenen Kutte, an seiner bescheidenen Mönchskleidung, und ist tief im Gebet versunken.

Links, heller beleuchtet, ist der heilige Laurenzius dargestellt, der Schutzpatron des Oratoriums des heiligen Laurenzius natürlich.

Laurenzius stützt sich auf etwas Metallenes, vermutlich auf einen Rost, denn das Martyrium des heiligen Laurenzius war, dass er bei lebendigem Leib auf einen glühenden Metallrost gebunden wurde. Geröstet, gefoltert und für seinen Glauben gestorben.

Das Detail

Wie hat eigentlich dieser wilde Maler, dieser vorbestrafte, gesuchte Mörder, dieses grosse Talent der Malerei, der zum Glück seine ganze Leidenschaft auch in der Malerei kanalisierte, wie hat Caravaggio diese Geschichte dargestellt?

Es gibt ein Detail beim Engel, das alles erklärt. Seine Hände sind dunkel, von der Sonne gebräunt.

Das ist ein Zeichen, dass das Modell dieses Engels jemand war, der mit seinen Händen arbeitete. Er war täglich draussen, was seine Hände bräunte, während der Rest seiner Haut weiss blieb, sie war unter seinen Kleidern vor der Sonne geschützt.

Es waren Menschen von der Strasse, die Caravaggio gemalt hat und er hat sie auch gemalt wie Menschen von der Strasse aussehen.

Wegweiser für das Auge?

Er zeigt also auf Maria, das junge Mädchen, das voller Demut auf ihren neugeborenen Sohn blickt. Und während unser Blick zum Kind geführt wird, streift er wieder die Beine des Josef.

Josef sitzt mit angewinkelten Beinen da, trägt weisse Strümpfe, weisse Beinkleider, die den Blick auf das Jesuskind lenken. Ausserdem zeigt er zusätzlich mit seinem Finger auf das Kind.

Warum muss mit diesen weissen Beinen so ein deutlicher Wegweiser für unser Auge aufgestellt werden, der direkt auf das Jesuskind zeigt?

Eine Antwort könnte sein, weil das Jesuskind selbst wirklich fast im Dunkeln liegt, auf dem Boden zwischen all den Menschen. Dazu hat es noch schwarze Haare. Vom Kind sind nur die Stirn, die Bäckchen, ein bisschen Schulter, ein Ärmchen beleuchtet. Nicht mehr.

Trotzdem ist es das eigentliche Wunder dieses Bildes und das, was hier erzählt wird: Der Sohn Gottes wurde geboren und er wird die Welt von ihren Sünden befreien. Caravaggio zeigt nicht das Wunder, sondern einfache Menschen, die das Wunder erkennen und das sind wir.

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