Die Geheimnisse der Skulptur

Hast du gewusst, dass eines der umstrittensten Werke der Bildhauerei auch eines der beliebtesten ist und der Künstler selbst – ein Gott der Bildhauer – es als sein bestes bezeichnete? Aber die Qualität der Darstellung war auch nicht Stein des Anstosses. Im Gegenteil.

Malerei vs. Bildhauerei

Und jetzt wird es spannend: Es gab, vermutlich immer schon, ein Wettstreit unter den Künsten, welche Gattung die bessere, schönere, schwieriger anzufertigende Kunst sei. Im 16. Jahrhundert flammte dieser Streit wieder richtig auf, und zwar dank keinem geringeren als Leonardo da Vinci! Er verfasste sogar Schriften, um die Überlegenheit der Malerei zu beweisen. Heute ist das kaum zu glauben, denn es war auch die Zeit Michelangelos, des grössten aller Bildhauer, der zwar auch ein grandioser Maler war, aber sich immer als Bildhauer sah. Wieso gönnen sich nicht einmal die Grössten der Grössten ihren Ruhm? So viele sind das nicht, da ist genug Platz für alle.

Es ging um Fragen wie Anstrengung beim Steinhauen vs. Leichtigkeit beim Malen, Dreidimensionalität vs. Flächigkeit oder Wahrheit vs. Täuschung/Illusion.

Bildhauerei ist vielleicht spröder und nüchterner. Zumindest seit der Renaissance, als die Bildhauerei der Antike als einzig akzeptables Vorbild galt und die Zeit der bunt gefassten (bemalten) Andachtsbilder des Mittelalters vorbei war. Doch dann kam Bernini. Gianlorenzo Bernini, 1598 in Neapel geboren und 1680 in Rom gestorben, und holte die Skulptur aus den intellektuellen Kreisen wieder ins wirkliche Leben.

Kunst für die Seele

Das beste Beispiel dafür ist Die mystische Vision der heiligen Theresa von Àvila, die Bernini in den Jahren 1645-52 für die Cornarokapelle in der Kirche S. Maria Vittoria in Rom geschaffen hat. Bernini hat diese Gruppe aus Marmor gehauen.

Ich habe ein Beispiel aus dem 17. Jahrhundert, dem römischen Barock gewählt, weil wir hier den Höhepunkt an Bewegung, Ausdruck, Erzählung, Leidenschaft in der Bildhauerei sehen. Es ist immer ganz grosses Kino. In diesem Fall hat der Künstler sogar die Zuschauer dazu geschaffen, zwei Seitenkapellen mit Zuschauenden aus der Familie der Cornaro gehören dazu.

In der Nische der Kapelle schwebt die lebensgrosse dargestellte Heilige halb sitzend halb liegend auf einer Wolke. Von oben kommen goldene Strahlen herab, die dank eines versteckten Fensters im Dach golden aufleuchten. Ganz nah vor Theresa steht ein jugendlicher Engel, der milde lächelnd, soeben den Pfeil wieder aus ihrem Körper gezogen hat. In der linken Hand hält er noch eine Gewandfalte von Theresas Gewand. Die hl. Theresa von Avila sinkt dahin.

Sie selbst hat ihre Erfahrung so beschrieben:

„Ich sah einen Engel neben mir, an meiner linken Seite, und zwar in leiblicher Gestalt, was ich sonst kaum einmal sehe. […] Er war nicht gross, eher klein, sehr schön, mit einem so leuchtenden Antlitz, dass er allem Anschein nach zu den ganz erhabenen Engeln gehörte, die so aussehen, als stünden sie ganz in Flammen. […] Ich sah in seinen Händen einen langen goldenen Pfeil, und an der Spitze dieses Eisens schien ein wenig Feuer zu züngeln. Mir war, als stiesse er es mir einige Male ins Herz, und als würde es mir bis in die Eingeweide vordringen. Als er es herauszog, war mir, als würde er sie mit herausreissen und mich ganz und gar brennend vor starker Gottesliebe zurücklassen. Der Schmerz war so stark, dass er mich […] Klagen ausstossen liess, aber zugleich ist die Zärtlichkeit, die dieser ungemein grosse Schmerz bei mir auslöst, so überwältigend, dass noch nicht einmal der Wunsch hochkommt, er möge vergehen, noch dass sich die Seele mit weniger als Gott begnügt. Es ist dies kein leiblicher, sondern ein geistiger Schmerz, auch wenn der Leib durchaus Anteil daran hat, und sogar ziemlich viel.“

Die Szene wird auch als der Moment gesehen, wo sich der Engel ihr mit dem Pfeil nähert und ihr allein schon von der Erwartung die Sinne schwinden. 

Wie sieht mystische Verzückung aus?

Das Licht von oben lässt nicht nur die goldenen Strahlen leuchten. Die knittrigen, tiefen Falten ihres Gewandes erzeugen durch das Licht einen starken Hell-dunkel-, Licht-Schatten- oder Schwarz-Weiss-Effekt. So, dass in dieser stillen Momentaufnahme, als der Engel seinen Auftrag erfüllt hat und Theresa ohnmächtig der mystischen Erfahrung ausgeliefert ist, grosse Unruhe entsteht.

Blicken wir von unten aus dem dunklen Raum nach oben über die aufgewühlten Gewandfalten in Theresas hell angestrahltes, aber hilflos erstarrtes Gesicht und dann über den Arm des Engels in sein zufriedenes, jugendliches Gesicht, danach weiter über die goldenen schlichten Lichtstrahlen in Richtung des hellen Lichts nach oben, macht sich fast Erleichterung breit.

Es ist Bernini gelungen, den Betrachter zum direkten Zeugen des Geschehens zu machen. Was hier zu sehen ist, ist gleichzeitig die höchste Stufe der mystischen Meditation und gleichzeitig zutiefst menschlich. Ein Betrachter soll gesagt haben: «Wenn das die höchste Stufe der geistigen Versenkung ist, dann kenne ich sie auch.» Leider ist mir entfallen, wer das war, also falls jemand dieses Zitat kennt, schreib mir bitte.

Kein Wunder, gilt diese Figurengruppe als die meist verehrte und die meist abgelehnte des römischen Barock. Der venezianische Kardinal Federigo Cornaro, der sie als Grabkapelle für sich und seine erfolgreiche Familie, die immerhin einen Dogen und sechs Kardinäle hervorgebracht hatte, in Auftrag gegeben hatte, sah das Problem nicht. Was er aber voraussah, war die Unsterblichkeit, die ihm und den Seinen durch so ein Werk geschenkt würde.

Bernini selbst bezeichnete diese Kapelle als sein persönliches Meisterwerk.

Die Kraft der Skulptur

Dieses Werk habe ich aus all den oben beschriebenen Gründen als Beispiel für die Kraft der Skulptur gewählt. Während wir als Betrachter eines Gemäldes vor der Bildfläche stehen bleiben müssen oder in der Architektur als Teil des Werkes mitspielen, sind wir erst mit der Skulptur als Menschen, als Vorbilder der Dargestellten im selben Raum. In ihrem künstlerischen Raum. Unsere Augen und vielleicht sogar unsere Hände müssen die Oberfläche absuchen, um alle ihre Bewegungen und Strukturen zu erfassen. Wir müssen, soweit dies möglich ist, um die Skulptur herumgehen, um sie vollständig zu sehen. Tun wir das, ändert sich das Lichtspiel, Schatten malen das Werk neu, jedes Mal. In diesem Fall bestimmt der Lichteinfall über die Intensität und Ausstrahlung des Werkes, denn das Licht reflektiert auch den weissen Marmor und erhellt bzw. erleuchtet die Kapelle.

So starr eine Skulptur auf den ersten Blick wirken kann, so veränderlich und bewegt ist sie, wenn wir richtig hinsehen.

Der Streit um die Vorherrschaft der Malerei oder der Skulptur wurde schon im 18. Jh. ad acta gelegt. Man erkannte, dass ein derartiges Messen unter den Kunstgattungen lächerlich ist und eigentlich gar nicht stattfinden kann. Nicht gerade rühmlich für Leonardo da Vinci, dass er es nötig hatte, eine so sinnlose Diskussion wieder anzufachen

Weiter
Weiter

Heilige Drei Könige: Wahrheit, Lüge oder “alternative Fakten”?